Es war in dieser Nacht unmöglich, allein zu bleiben. Eden wurde operiert und nachdem mich die Polizei verhört und die Aussagen der Zeugen meine Notwehrhandlung bestätigt hatten, ließ man mich vorerst gehen. Ich wurde sogar von einem Beamten ins Hotel gefahren. Alle Mitglieder der Band, so auch Rage, sollten in den nächsten Tagen ebenfalls ihre Aussage machen. Professor Hendrikson war derzeit nicht vernehmungsfähig. Als ich in die Hotellobby kam, saßen Dave und Lazey mit blassen Gesichtern in zwei Clubsesseln. Der sensible Lazey konnte meinen Anblick kaum ertragen. Man hatte mich bei der ärztlichen Untersuchung zwar grob gesäubert, aber meine Haare waren blutverklebt, ebenso meine Kleidung. Es war längst nach Mitternacht und keine Hotelgäste in der Lobby, die ich hätte dem Entsetzen aussetzen können. Wir waren alle erschöpft, schockiert und unfähig nach Erklärungen zu suchen. So gab ich an die beiden Freunde nur meine Informationen über Eden weiter und die Bitte, am anderen Morgen für die Polizei zur Verfügung zu stehen. Dann erkundigte ich mich bei ihnen nach Rages Zimmernummer. Ich klopfte, so wie ich war, bei Rage an und fragte ihn, als er die Tür öffnete: „Kann ich bei dir duschen? Ich mag jetzt nicht allein bleiben …“ Er reagierte auf meine Frage mit einem lächelnden Kopfschütteln und dem Kommentar: „Du dummes Huhn!“ Ich duschte lange und genoss das warme Wasser. Es fühlte sich an wie eine Desinfektion – gegen tödliche Keime. Ich kam aus dem Bad und stand Rage wieder gegenüber, wie damals in der Nacht, als wir uns zum ersten Mal berührten; wieder trug ich einen weißen Hotelbademantel. Es war ein Déjàvu. Nur diesmal spürten wir bei unserem Kuss die starke Bindung zueinander und die Dankbarkeit, am Leben zu sein. Unsere Lippen trennten sich nur unwillig, als mein Mobiltelefon seinen lauten Rufton durch die Stille schickte. Es war der „Captain“, Frau Sieger. Sie entschuldigte die späte Störung, wollte unbedingt wissen, ob bei mir alles in Ordnung wäre. Sie hätte die Nachrichten gesehen und von ihrem englischen Kollegen Informationen zu den letzten Stunden erhalten. Hörbar angegriffen, wagte sie es kaum, mich nach irgendwelchen Fotos zu fragen, die sie morgen veröffentlichen könnte. Natürlich sagte ich ihr Bilder zu, holte mein Kartenlesegerät aus meinem Zimmer, stöpselte es in Rages Notebook und lud die Fotos von meiner Kamera. Als Rage sah, was ich alles fotografiert hatte, das brennende Labor und den Aleksey, wurde ihm erst bewusst, wie nah ich ihm gefolgt war und in welche Gefahr ich mich begeben hatte. Er hatte mir zwar untersagt nach London zu kommen, aber wäre ich in Berlin geblieben … Noch mal der Rufton vom Handheld. Eine komplett aufgelöste Ramira meldete sich. Sie brüllte mich regelrecht an, wie leichtsinnig ich doch sei und ob es wahr wäre, dass Alhazred tot sei. Sie weinte, konnte sich kaum beruhigen. Ich versprach ihr kein weiteres Risiko einzugehen und während ich sprach, beobachtete ich Rage. Er saß auf der Bettkante und blickte zu Boden. Ramiras Vermutung, Rage würde niemals zulassen, dass ich in Gefahr geriet, sollte sich bestätigen. Ich verabschiedete Ramira und legte auf. „Du bist nicht sicher, wenn du bei mir bist.“ Sein Blick war immer noch auf den Boden gerichtet. Ich schloss die Augen. „Was willst du damit sagen?“ – „Warum zwingst du mich auszusprechen, was du schon weißt?“ Seine Bemerkung überforderte mich in diesem Augenblick, denn ich hatte ihn gerade erst einer tödlichen Vorsehung entrissen. Ich setzte mich neben ihn, nahm seine rote Haarsträhne zwischen meine Finger wie einen Kontaktdraht. „Kannst du uns nicht zugestehen den Rest dieser Nacht einfach zusammen zu sein? Ohne die Verpflichtung gegenüber deinen … Göttern? Lass‘ uns wenigstens ein paar Stunden glücklich sein, Rage, nur ein paar Stunden! Findest du nicht, dass ich das verdient habe?“ Er nickte stumm und ich legte mich vorsichtig an seinen Arm, mehr Zärtlichkeit war durch seine Verletzung nicht möglich. Uns stand auch nicht der Sinn danach. Mein Glück war bereits vollkommen, weil er lebte.
Am anderen Morgen wachte ich ohne Rage auf und wurde sofort phobisch. Die Angst um ihn, die nervenzerfetzende Suche gestern – es schwächte mich, und nahm mich mehr mit als die Tatsache, einen Menschen getötet zu haben. Ich fand einen Zettel neben mir auf dem Bett. Es war zwar eine Erleichterung zu lesen, dass es seine Worte waren, aber das Gefühl der Hilflosigkeit in mir war zermürbend. Rage schrieb mir, er sei mit Lazey und Dave bei der Polizei, ihre Aussage machen. Er wolle zudem ins Krankenhaus fahren und nach Eden sehen. Als ich die Zeile las, in der er mir seine Liebe versicherte, weinte ich bitterlich. Die lange Suche und das Erlebte des gestrigen Tages rissen mich zu Boden. Noch während mir die Tränen herunterliefen, nahm ich meinen Taschencomputer zwischen die Finger und tippte mit beiden Daumen einen Text. Ich verfasste eine E-Mail für den „Captain“, Anmerkungen zu den versendeten Fotos, mein Wissen über Alhazred. Ich schrieb ihr, dass ich den Professor gesehen hatte, dabei erinnerte ich mich an seine seltsame Bemerkung: dass er der Meinung war, Rage müsse geschützt werden. Verstand ich, schon wegen Alhazred. Aber für mich war die Frage damit nicht beantwortet, wieso Abdul Rage unbedingt töten wollte. Der Kampf des „Al Azif“ gegen die „Amunpriester“ existierte bereits seit Hunderten von Jahren. Und Rages Vater? Wusste er, wie gefährlich der „neue“ Alhazred wirklich ist – dass dieser Doktor Nasrallah eine Ära des Schreckens einläuten würde? Und was hatte es mit diesem DNA-Test auf sich? Wurde Rages Vater vielleicht genauso beseitigt wie die Mitglieder der GenTEC? Aber war dies 1975 überhaupt möglich, zu einer Zeit, da noch niemand die Möglichkeiten und Eigenschaften der RNA kannte? Und wieder empfand ich, wie zu Beginn unseres Kennenlernens, dieselbe Verwirrung. Wieder brachte jede Antwort keine endgültige Lösung, sondern nur eine weitere Verzweigung in einer unendlich scheinenden Struktur ungeklärter Ereignisse.
Gegen Mittag checkten wir aus. Wenn ich daran zurückdenke, wie wir auf dem Rückflug nach Berlin in der Maschine saßen, schaudert es mich – diese furchtbare, seelische Erschöpfung! Ich blickte auf die schlafenden Gesichter von Lazey und Dave. Ich saß neben Rage, weil die Jungs mir zuliebe die Plätze getauscht hatten. Ich hielt seine Hand und drückte sie, immer dann, wenn mich die schrecklichen Bilder der letzten Nacht heimsuchten und ich mich vergewissern wollte, dass er noch bei mir war. Eden wurde an diesem Tag nach Berlin verlegt. Er hatte die OP gut überstanden. Am Berliner Flughafen erwartete uns das nächste Dilemma: Der Ankunftsbereich war übersät mit Journalisten und TV-Sendern. Jeder wollte das erste Interview der Band nach dem Anschlag für sich verbuchen.
Am Rande der Pressemeute erkannte ich Brenni. Er machte sich hektisch bemerkbar mit Winkzeichen, ich schleuste die Jungs hinter mir durch die Blitzlichter der Kameras. „Kommt hier entlang, habe den Firmenbus dabei!“, rief Brenni. Der „Captain“ hatte ihm den Kleinbus unserer Redaktion zur Verfügung gestellt. Brenni rettete uns aus der Ansammlung der Neugierde, und obwohl ich selbst Journalistin bin – gerade jetzt kamen mir die eigenen Kollegen unerträglich vor.
Die Band hatte mir und meiner Zeitung gegenüber zwar keine Verpflichtung, aber ich hatte Frau Sieger einen Exklusivbericht versprochen, und den sollte sie auch bekommen! Brenni fuhr in seinem unnachahmlichen Fahrstil nach Potsdam. Auf heimischem Boden löste sich so langsam unsere innere Verkrampfung und ich bedankte mich bei meinem treuen Kollegen für seinen Einsatz. Brenni lachte laut und verkündete eine Neuigkeit: „Also, wenn sich jemand bedanken muss, dann ich, Susan! Du hast mir immerhin deine Bekannte zur Unterstützung auf der ‚Fashionweek‘ geschickt, wir, na ja, wir haben uns super verstanden und …“ Ich wusste, was er mir mitteilen wollte, und musste ebenfalls lachen. „Ne, oder?! Hast du dich etwa verknallt, Brenni?“ Er ruckte verlegen auf seinem Sitz herum. „Ja, ja, … wir sind jetzt zusammen!“ Ich war verblüfft, freute mich für Brenni. So hatte auch hier das Schicksal eine sinnvolle Wendung erfahren. Rage lächelte mich an. Er nahm an meinen Gedanken Anteil. Brenni hielt den Kleinbus vor der Plattenfirma. Rages und Edens Zuhause. Wir luden Brenni als Dank zum Essen ein und bestellten bei einem Feinkostlieferanten ein üppiges Büfett. Während die Jungs tüchtig reinhauten und ihr Davonkommen aus einer tödlichen Falle feierten, zog ich mich in Rages Wohnung zurück und schrieb meinen Artikel zu Ende. Die Chefin erwartete meine Stellungnahme bis Abend.
Nächste Woche würde eine Sonderausgabe zur GenTEC erscheinen. Sie sollte mit der Schlagzeile „Terror in Gen-Labor“ betitelt werden. Natürlich war der Titel reißerisch aufgemacht, aber mir kam es gelegen, dass Frau Sieger die Aufmerksamkeit auf den Anschlag und das Auffinden des vermissten Professors lenkte. Die Menschen würden nicht verstehen, was wirklich hinter all diesen augenscheinlichen Machtkämpfen um Ruhm in der Wissenschaft steckte. Darum formulierte ich meinen Bericht auch so, als wäre es zwischen Hendrikson und Doktor Nasrallah um einen Forschungswettstreit gegangen und um das erwartete Geld der kapitalgebenden Pharmakonzerne.
Was wissen sie schon? Wir bekommen irgendwelche fingierten Schlagzeilen der Medien auf einem Silbertablett serviert. Mundgerecht und gut zu verdauen. Jeden Tag Neuro-Fastfood. Würden wir oft hinter den Titel eines Artikels blicken, oder gar hinter alle Meldungen, wir würden das Leben nicht mehr ertragen. Denn dann blickten wir in jene dämonische Fratze, von der Rage in Assuan sprach. Wie gut es uns Menschen doch immer gelingt, unsere grausame Seite zu kaschieren! Wie eine lustig bunt beklebte Schachtel, deren Inneres aus einem faulenden Kadaver besteht. Einer stinkenden, fauligen Substanz, die wir nicht loswerden. Weil sie ein Teil von uns ist; verantwortlich für meinen Schmerz, meine bitteren Erfahrungen, verantwortlich für das Leid unserer Spezies und die Hoffnungslosigkeit. Und schafften wir es einmal, die Hoffnung keimen zu lassen und mit Wünschen zu versehen, es würde eine starke Pflanze daraus erwachsen, wäre unsere Gleichgültigkeit sofort am Zuge. Das Schlechte in uns wird weitergetragen in jede nächste Generation. Der Keim der Hoffnung, vom Gen der Gleichgültigkeit ausgeschaltet! In diesem Moment verstand ich sogar das Streben der Gen-Forschung nach Verbesserung – wenigstens im Sinne unseres Geistes. Aber ich bezweifelte, dass wir selbst in der Lage waren, uns zu verbessern. Unsere Matrix war zu korrupt, Menschen bestanden vor den Gerichten unserer Zivilisation, aber niemals vor den Göttern, oder einer universellen Heuristik. Ich bin der festen Überzeugung, dass an Orten jenseits der Erde, Leben andere Werte besitzt. Für mich ist das Leid, das uns krankmacht, und dann unsere Körperzellen schwächt, ein Fehler des selbstproduzierten Systems. Wir suchen es in unseren Machthabern, der Politik oder der Wirtschaft; doch es ist eine vergebliche Suche nach Verbesserung. Nach allem, was ich persönlich erlebt habe, spricht weniger Resignation aus mir, sondern mehr Erkenntnis. Rage kämpft für uns. Er kämpft für andere Werte, den Status einer möglichen Zukunft, gegen das personifizierte Leid. Dennoch glaubte ich nicht an seinen Sieg. Es war unmöglich, gegen Lebewesen anzutreten, die die Vernichtung bereits in sich trugen. Er würde scheitern wie alle seiner Gattung; Jesus, Mohammed oder Buddha. Man betet sie an, aber niemand versteht ihr Martyrium. Niemand wird je begreifen, welch‘ kläglichen Versuch sie unternahmen, dem Bösen ihre unbewaffneten Arme entgegenzustrecken. Gegen unseren Bauplan. Rage ist kein Günstling der Götter, er ist kein Prophet oder Apostel. Er ist ein Mensch. Während ich selbst dachte, es wäre der Forschung tatsächlich eines Tages möglich, den Schalter unserer Gene umzulegen, um das Übel in uns einfach abzuschalten, sollte alles ganz anders kommen.
https://rage46.com/tag/leseprobe/