Prolog
Meine Seele war ein leidvoller Trümmerhaufen, vor zwei Jahren. Wie etlichen Erdenbürgern es geschieht, begegnete auch ich einem Teil meines Lebens, welchen man am lebendigen Leibe aus sich herausschneiden würde, wenn dies möglich wäre.
Ein großer Zellklumpen, anders kann ich diese Kreatur heute nicht mehr betiteln, brach meinen Mut zum Leben in einer langsamen und würdelosen Prozedur. Ich wandelte als automatisierter Organismus einer Maschinenwelt umher, auf Vitalfunktionen reduziert, und tat dem schönsten Planeten des Sonnensystems Unrecht. Bis zu jenem magischen Tag einer Begegnung, Prüfung hoher Mächte eines Universums oder Zufalls. Durch eine schicksalhafte Fügung, Wahrscheinlichkeit oder Bestimmung übergeordneter Wesen, wer weiß das schon so genau, erblickte vor 32 Jahren in einem kleinen Bauerndorf Oberägyptens ein Kind das Licht der Welt, versehen mit einer Aufgabe: Eine Art menschgewordener Schlüssel zur Erdenschatztruhe, unsere Zukunft gegen todbringende Gegner und machthungrige Fanatiker zu verteidigen. Wer jetzt eine Parallele zum neutestamentarischen Auftritt Jesu auf Erden vermutet, den muss ich enttäuschen. Dieses Kind ist Mensch, nicht Günstling der Götter. Lediglich mit einer Winzigkeit ausgestattet, die unsere Spezies in eine andere Geschichte lenken sollte.
Es ist die Geschichte von „Re Harachte Amon Al Said“, von Freunden und Feinden kurz „Rage“ genannt, und seinem Kampf um neue Ressourcen unserer Zivilisation. Keine Rohstoffe sind hier gemeint, sondern uralte, biochemische Prozesse. In jenen angeblich so hoch entwickelten Hirnwindungen unseres humanoiden Schädels, keimt der Sieg über das Leid. Rage nimmt Unterschiede zwischen unseren irdischen Geschlechtern nicht in der Form wahr, wie wir es bislang taten; er differenziert nicht Sprache oder Glaube, denn sein Wesen ist angetrieben von der Macht der Evolution.
Er ist die Zukunft in einer Welt, unserer Welt, die längst der Vergangenheit angehört.
Achte darauf, falls du in einer überfüllten U-Bahn neben dir einen ernsten, jungen Mann bemerkst, mit schwarzen, langen Haaren, dem eine knallrote Strähne ins Gesicht fällt. Es könnte Rage sein.
Kapitel 01 – Chapter 01
Vom Vater hab ich die Statur,
(J.W. v. Goethe)
Des Lebens ernstes Führen,
Von Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren.
Urahnherr war der Schönsten hold,
Das spukt so hin und wieder,
Urahnfrau liebte Schmuck und Gold,
Das zuckt wohl durch die Glieder.
Sind nun die Elemente nicht
Aus dem Komplex zu trennen,
Was ist dann an dem ganzen Wicht
Original zu nennen?
„Auch Goethe erkannte, dass Einzelmerkmale über Generationen hinweg erhalten bleiben …“ Hendrikson räuspert sich kurz. „Dass also Detailinformationen von den Eltern auf die Kinder weitergegeben werden … vererbt werden m ü s s e n.“ Streng betonte er das letzte Wort. „Jahrhundertelang sprach und diskutierte man darüber, dass es eine Vererbung gibt. Wie sie jedoch funktioniert, d a s blieb im Dunkeln“, wieder eine scharfe Betonung von Hendrikson, „bis in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Augustinerpater namens Gregor Mendel eine Idee hatte.“ Hendrikson genoss sichtlich seine kompetente Ausführung zum Thema „Herausforderung Gentechnologie“ vor den Kongressteilnehmern des winterlichen Helsinki. Den Namen „Gregor Mendel“ untermalte er dabei stimmlich, als würde er einen großartigen Oscargewinner ansagen. Der normlichtdurchflutete Vorlesungssaal war voll besetzt. Hendrikson lächelte sympathisch, seine strengen Nasolabialfalten drängten sich nicht ganz so in den Vordergrund seines scharf geschnittenen Gesichtes wie sonst. Er fuhr nach einer Rhetorik-Pause fort: „In den fünfziger Jahren wurden in der Medizin erstmals in größerem Umfang Antibiotika gegen Krankheitserreger eingesetzt. Bereits damals mussten Mediziner und Biologen jedoch feststellen, dass viele Bakterien rasch resistent werden, das heißt, es treten Bakterienstämme auf, denen Antibiotika nicht schaden, ich erzähle Ihnen da nichts Neues …“ Die fazialen Lebenslinien traten wieder stärker hervor. „Tja, im Prinzip auch nichts Besonderes, der Erbbrief passt sich im Wege der Evolution an die veränderten Verhältnisse an. Überraschend war jedoch die Geschwindigkeit, mit der dies geschah. Dass sich Bakterien so außerordentlich rasch an die geänderten Bedingungen anpassen würden, war nicht vorherzusehen. Die Forscher nahmen schon damals an, dass es bei Bakterien so etwas wie … horizontalen Informationsaustausch geben müsse.“
Schon seit Langem war mein Interesse an Gentechnologie groß und ich hoffte, während des diesjährigen Weltmeetings der Mogule einer umstrittenen Wissenschaft, ein Essay für die Zeitung „Ethik & Wissen“ verfassen zu können. Darum versuchte ich, mich mit den Gepflogenheiten und dramaturgisch wertvollen Darbietungen der Dozenten und vor allem den knüppelharten, unbequemen Holzsitzen der Vorlesungssäle vertraut zu machen. Irgendwie sah man mir jedoch bereits an, dass ich seit gut acht Stunden etwa ein Dutzend Vorträge konsumierte, und bevor ich erschöpft in einen oberflächlichen Schlaf versank, nahm ich noch das verständnisvolle Kopfnicken meines linken Sitznachbarn wahr.
Als würde mir jemand eine Fliegenklatsche über die Ohren ziehen, fing die Versammlung an zu applaudieren, ich fuhr aus meiner traumlosen Erholungsphase auf, schaute mich verwirrt um: innerlich hatte mein Gehirn gerade eine Anästhesistin vor Augen, flüsternd: – Es ist alles gut gegangen, Sie haben die OP überstanden – schon registrierte mein informationsüberladener Kopf einen rundbebrillten, leicht pummeligen Wissenschaftsassistenten, der mit behäbiger Würde einen Overheadprojektor vor dem gegenwärtigen Redner aufbaute. Hendrikson! Ich war erleichtert. Dann hatte ich ja nicht allzu viel verschlafen, er hatte seinen Vortrag noch nicht beendet. Mein Sitznachbar bemerkte, wie sich meine Stirn in Falten legte. Er fragte interessiert, ob mir denn die Ausführungen des Professors Sören Hendrikson nicht gefielen, der in Stockholm seinen vorbildlichen Studien zum Sieg über weltbedrohende Seuchen seit über zwei Jahrzehnten nachgeht und auf diesem Kongress lang ersehnter Gastdozent ist. Hatte er doch bereits zweimal in den Jahren zuvor sein Erscheinen abgesagt. Irgendwie entrüstet murmelte ich, dass es nicht der Vortrag sei, der mich ins Grübeln bringt, sondern die Tatsache, ein so innovatives Konsortium mit veralteten Overheadprojektoren und Folien arbeiten zu sehen. Computerunterstützte Animation wäre doch zeitgemäß, meinte ich, was bei meinem Mitstreiter sofort auf riesige Zustimmung stieß. Das erkannte ich an seinem wilden Genicke. Die kalte Saalbeleuchtung wurde heruntergedimmt, Hendriksons Ausführungen kamen nun zu einem außerordentlich interessanten Abschluss. Zuvor ordnete er mit prüfendem Blick seine PE-Folien, nahm einen Schluck aus dem bereitgestellten Wasserglas und fuhr fort: „Die auf der Plasmid-DNA verschlüsselte Information ist für Bakterien nicht lebensnotwendig, sie können durchaus auch ohne Plasmide existieren, was man in den sechziger Jahren herausfand.“ Hendrikson beugte seinen graumelierten, etwa sechzig Jahre zu beziffernden Denkerschädel in das diffuse, gedämpfte Licht des Projektors. Er positionierte die Folie auf der Opalglasscheibe. „Auf den Plasmiden steht aber manches geschrieben, was den Bakterien in besonderen Fällen zum Vorteil gereicht … da steht zum Beispiel, wie man bestimmte Stoffe als Nahrungsquelle nutzen kann, wie man bestimmte Giftstoffe unschädlich macht oder eben auch, wie man mit einem bestimmten Antibiotikum fertig wird.“ Hendrikson richtete sich ruckartig auf und kreiste mit einem klapprigen Teleskopzeigestock auf der grafischen Abbildung einen Plasmidkringel ein, um seine Erläuterung bildlich zu verstärken. „Solche Plasmide können nun, mitsamt ihrer Zusatzinformation, relativ leicht von Bakterium zu Bakterium übertragen werden.“ Hendrikson unterbrach, als er aus den Augenwinkeln einen hektisch winkenden, wissbegierigen Nachwuchsgenologen wahrnahm und, mit einer zustimmenden Handbewegung, eine Zwischenfrage erlaubte: „Herr Professor, sollte es nicht möglich sein, DNA-Stücke mithilfe eines Plasmids in eine Zelle, na, sagen wir, hineinzumogeln?“ Leichtes, sonores Gelächter zeigte, dass diese Frage für die Anhängerschaft des Professors und anwesende Obergelehrte wohl sehr unnötig schien. Der Professor nahm es gelassen, entgegnete mit pädagogischer Gutmütigkeit: „Aber natürlich, sicher ist Ihnen während des Studiums das Prozedere mit Kalziumsalzen erklärt worden, welches sogar störrische Kolibakterien zur Aufnahme von Plasmiden zwingt.“ Wieder einige Lacher aus den Zuhörerrängen. „Nun, wenn die DNA in der Zelle angekommen ist, heißt das noch lange nicht, dass ihre Information auch ausgewertet wird. Diese Schwierigkeiten sind sicher mit daran schuld, dass die Gentechnik intensiv nach anderen Methoden gesucht hat, um die r i c h t i g e DNA, das richtige Gen zu erhalten. Eine dieser Methoden soll im Folgenden etwas genauer beschrieben werden, wenn Sie gestatten. Dazu müssen wir in Gedanken zunächst zu den Viren und ihren Eigenschaften zurückkehren.“ – Neue Folie. „Wie Sie wissen, schleusen Viren ihre eigene Erbinformation in eine lebende Zelle hinein. Aber es gibt bestimmte Viren, deren Information nicht auf DNA, sondern auf RNA geschrieben steht.“ Hendriksons graublaue Augen weiteten sich ausdrucksvoll. Mein Sitznachbar knuffte mich leicht mit dem Ellbogen in die Seite und wies mich aufgeregt auf das Spezialgebiet des Professors und seiner Forschung hin, welches nun zur Sprache kommen sollte. „Aha“, antwortete ich kurz, versuchte mich angestrengt, mit schwindender Konzentrationsfähigkeit, wieder dem Vortrag zuzuwenden. „RNA ist Bestandteil a l l e r Zellen.“ Hendrikson knisterte dramatisch mit der Folie, als ob er die nächste Abbildung auf dem Projektor festklammern wollte. „Bei der Auswertung der Erbinformation kopieren alle lebenden Zellen ihren DNA-Erbbrief zunächst einmal in RNA um, man könnte es neusprachlich als eine Art ‚Backup‘ bezeichnen. Dringt ein RNA-Virus in die Zelle ein, dann entfällt das Kopieren, denn die Information des Virus liegt bereits in RNA-Form vor und kann daher direkt ausgewertet werden. Bei der Infektion einer weiteren Zelle, wird diese Information dort mit eingeschleust.“ Hendrikson verstummte kurz, nahm einen weiteren Schluck Wasser und holte tief Luft. „Naheliegend, dass Gentechniker versuchen, diese Fähigkeit auch für ihre Zwecke zu nutzen.“
Als ich am Abend nach dem Kongress mit bleischweren Beinen, erst durch den finnischen Schnee stapfte, dann hundemüde die Hotelhalle betrat und meine Sehnsucht nach dem wäschestärkeduftenden Hotelbett wirklich nicht mehr verbergen konnte, da erkannte ich plötzlich die Stimme Professor Hendriksons in der Lounge. Ich lokalisierte ihn links von mir; dort stand er unverkennbar an der Bar, aufgeregt mit seinen schmalen, langen Händen gestikulierend. Neben ihm, ein Mitglied der Ethikkommission. Bis heute kann ich nicht vergessen, wie mich der eiskalte Blick jenes Mannes erfasste, als er mich über die Schulter des Professors wahrnahm, ohne dass ich zu diesem Zeitpunkt wusste, in welche Augen ich gesehen hatte.
Auszug aus: RAGE 46 – Die Prüfung der Götter (2010 überarbeitete Version) – Das letzte Kapitel (2022) von Susan Ville
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