Der Rückflug von Helsinki nach Berlin war traumhaft schön. Aus dem Flugzeugfenster blickte ich über weit verschneite Landschaften und ließ die Konferenz im Geiste nochmals ablaufen, sortierte Aussagen nach Wichtigkeit und tippte sie in meinen Taschencomputer. Ich hatte extra den frühen Flug genommen, weil ich nachmittags in der Redaktion sein wollte; hatte es meinem Kollegen „Brenni“ versprochen. Er war zu diesem Zeitpunkt stark unter Druck, denn nach der Weihnachtsflaute standen besonders viele Angelegenheiten im Terminkalender der Redaktion. Hoch über den Wolken hatte ich keinen Kopf für andere Themen, der Vortrag von Professor Hendrikson beeindruckte mich nachhaltig und ich wollte unbedingt mehr über seine Forschungsansätze erfahren. Vererbungslehre interessierte mich auch persönlich: Ich liebe Pflanzen und züchtete seit einigen Jahren eigene Exemplare in meiner Küche. Zum Kochen kam ich kaum, und der Raum eignete sich durch das große Fenster und die helle Südlage als Testlabor.
So baute ich gegenüber der Kochzeile eine Art Wintergarten aus gestapelten Blumenbänken, die ich aus einer Gärtnerei billig abstaubte. Ich las entsprechende Literatur, bildete mich fort und seit Kurzem besaß ich sogar eine Software der Firma „cyboplant“, mittels derer man die Zucht von Pflanzenzellen am Computer simulieren kann. Ein fantastisches Programm! Man kann sich so realistisch vor Augen führen, wie die Pflanzen unserer Zukunft aussehen würden; unter anderen Bedingungen, anderer Atmosphäre. Damit verbrachte ich viel Zeit neben meiner Arbeit als Journalistin. Ich dachte in Momenten der Erkenntnis über die Zukunft oft an meine eigene; denn ich hatte meiner Vergangenheit den Krieg erklärt und sah in der Zukunft eine Chance, auch meine persönliche Schlacht zu gewinnen. Nur leider blieb mir verborgen, mit welchen Mitteln dies geschehen würde. Das war sicher ein Grund, warum mich das Erschaffen von Leben so faszinierte; meine eigene Suche nach besseren Bedingungen. Damit will ich nicht sagen, dass ich ein unzufriedener Mensch war – aber nein. Mein Job ist meine Leidenschaft, nicht nur Profession. Ich wohnte in einem wunderschönen Designerappartment, fuhr einen schnellen Sportwagen und hatte genug Geld auf dem Konto. Ich war erfolgreich, hatte ständig irgendetwas zu tun und war auch als Frau keine Mängelware. Jedoch gab es Augenblicke, da beschloss ich, voller Mängel zu sein. Ich nahm an, schlechte Erfahrungen mit Menschen hätten dies in mir ausgelöst. Oft empfand ich unbändigen, unerklärlichen Zorn. Wie in einer Art Anfall, trat in mir etwas zutage, das ich nicht einordnen konnte, und gegenüber Unbeteiligten schämte ich mich dann dafür. Bereits in meiner Kindheit verfügte ich über die Eigenschaft der inneren Reflexion in hohem Maße. Auf Probleme in der Schule reagierte ich mit stillem Widerstand, nicht aus Trotz, sondern weil ich der Meinung war, so besser mit Schwierigkeiten klarzukommen. Mir wurde damals schon von Lehrkräften und Pädagogen Begabung auf naturwissenschaftlichen Gebieten und besondere Selbstdisziplin bescheinigt. Ich war nie der Typus für oberflächliches Abfeiern von Sorgen. Was mich in den Bann zog, war gerade das, was man nicht im Offensichtlichen sehen konnte. Alles, was Menschen im Alltag begegnete, war mir zu profan, zu plakativ, deutlich durchschaubar und zu berechenbar. Dinge, die im Verborgenen lagen, zogen mich magisch an, oft genug verlor ich dabei meine Orientierung und die Einschätzung der Realität. Meine Pflanzenwelt brachte dann wieder Struktur in mein Leben. Also freute ich mich nach meinem Aufenthalt in Helsinki wieder auf meine eigenen vier Wände, goss in Gedanken bereits meine Lieblingspflanzen und tupfte mit dem Finger in die Blumenerde, um den Grad der Feuchtigkeit zu bestimmen.
Zweieinhalb Flug- und Fahrstunden später holte mich die Wirklichkeit ein und ich stand mit meinem Koffer im Flur meiner Wohnung im Berliner Stadtteil Charlottenburg. Ein aufsässiger Taxifahrer ärgerte mich nur so lange, bis ich in der Küche meine Pflanzengalerie in Augenschein nehmen konnte und mit großer Erleichterung feststellte, dass es all meinen Schützlingen gut ging. Die Jalousien hatte ich vorausschauend auf Halbmast gesetzt, um die empfindlichen Sorten vor der Mittagssonne zu schützen. Eigentlich war die Küche der einzige Ort in der Wohnung, der eine Emotionalität preisgab. Ansonsten offenbarte sich einem Besucher nirgends meine Persönlichkeit. Das sollte so sein, denn ich fürchtete die Analyse anderer. So mutete jedes einzelne Zimmer an, als würde man durch ein Möbelhaus wandeln. Die Sterilität machte mich zufrieden, denn sie umhüllte meine Sehnsüchte mit einer perfekten Schale aus undurchdringlichem Material. Kein Durchkommen für Fremde. In jener Zeit war ich sehr pedantisch, räumte jede Minute hinter mir her. Damals wusste ich noch nicht, dass sich so die ersten Anzeichen meiner Selbstzerstörung zeigten. Ich war überzeugt davon, es ginge mir gut – und wenn dies einmal nicht so war, trugen andere Umstände die Schuld. Meine Selbsterkenntnis reduzierte sich auf die Feststellung, wieder einmal einem Feind begegnet zu sein.
Kurz vor halb drei Berliner Zeit schob ich den letzten Bissen eines belegten Brötchens vom Flughafen Tegel in meinen Mund, machte mich mit frischer Optik und Klamotten auf den Weg in die Redaktion. Hätte auch mit der U-Bahn fahren können, war zu lauf-faul, klemmte mich daher hinter mein Alfa-Lenkrad und fuhr zum Potsdamer Platz. Jener Teil Berlins, der sich im industriellen Umbau befand. Mein Arbeitgeber nannte sich „Panorama Presse“; nicht ohne Grund, lag die Redaktion doch im siebten Stock eines Büroturms mit einem sagenhaften Ausblick über die Großbaustelle. Als ich die Redaktionsräume betrat, empfing mich mein Kollege Detlef Brenner, alias „Brenni“, mit hektischem Winken aus Richtung des Kaffeeautomaten. „Hier, Susan!“ Dass er umgehend mit mir Kontakt aufnahm, war kein gutes Zeichen. „Du siehst ganz schön fertig aus, hat alles geklappt?!“ Brenni erkundigte sich stets mitfühlend, wenn ich von einer Reise zurückkam. Er war überhaupt ein toller Kollege. Während er auf meine Antwort wartete, zapfte er sich einen heißen Kaffee an unserem brandneuen Automatenmonstrum. „Mann, das war vielleicht ein Vortragsmarathon! Aber trotz allem, hochinteressant, hab schon ‘ne Menge auf dem Rückflug geschrieben, wird bestimmt ein toller Bericht.“ Ich legte meine dicke Winterjacke auf einen Stuhl neben den Automaten und wollte Brenni nacheifern: Milchkaffee Spezial hatte ich mir jetzt echt verdient. „Du hast dein Laptop auf dem Schreibtisch vergessen. Hab mir eine Benachrichtigung aber gespart – du warst eh schon im Flieger.“ – „Ja, ich hab‘s erst über den Wolken bemerkt, du kennst mich doch, immer das Ersatz-Handheld dabei. Und bei euch hier? Fliegt schon wieder die Kuh?“ Damit versuchte ich Brenni gegenüber besondere Ruhe auszustrahlen, denn ich wusste, wie schnell er zappelig wurde, wenn sich Termine häuften. Laut schlürfte er seinen Kaffee aus dem Pappbecher und nickte dabei so heftig mit dem Kopf, dass er fast die heiße Flüssigkeit verschüttete. „Stell dir vor, der „Captain“ hat mir heute früh gleich zwei Termine aufgebrummt. Jetzt soll ich morgen Abend zu einer Preisverleihung, gleichzeitig noch einen Artikel zu dem komischen Theaterstück schreiben … weißt doch, diese moderne Inszenierung von dem Japaner, über den alle zurzeit reden – wie heißt der noch gleich? So ähnlich wie ‚Quasimodo‘.“ Ich lachte auf. „Du meinst Takio Moto?“ Auch mein Kaffee war inzwischen aus dem Brühroboter geflossen und mit Milch vermischt. Der Duft weckte meine müden Lebensgeister und ich nahm überzeugt einen großen Schluck. Beide mit dem typischen Pressegetränk bewaffnet, suchten wir unsere Schreibtische auf. Brenni und ich teilten uns ein Büro. Mit ihm zu arbeiten war angenehm, denn Brenni entpuppte sich schnell als Mann der Sorte, die für mich komplett ungefährlich war. Eigentlich war er gar nicht uneben. Etwas konservativ vielleicht, – im Auftreten und in der Wahl seiner Aftershaves. Er fotografierte leidenschaftlich gerne. Sobald er eine Kamera in den Händen hielt, mutierte er zum perfekten Bildjournalisten. In den letzten Jahren gingen ihm an der Stirnpartie Haare aus, uneitel wie er war, überklebte er Lücken mit Haargel. Brenni zeigte sich bei Aufträgen stets besonnen, unser beider Berufsdisziplin zeichnete sich in der Redaktion auch vor unserem Boss aus. Eigentlich hieß die Chefredakteurin Katrin Sieger, doch durch ihre stark autoritären Züge und das herbe Gesicht nannten wir sie unter Kollegen „Captain“. Wenn der „Captain“ befiehlt, bleibt nur der Gehorsam. Ich klappte mein Laptop auf. „Danke, dass du drauf aufgepasst hast, Brenni! Was ist das für eine Preisverleihung, zu der du morgen fahren musst?“ Brenni kratzte sich am Kopf. Sein scharf geschnittenes Profil erinnerte an die historische Büste des Cäsar. Man sah ihm seine Beunruhigung an, ob er alle Aufgaben in vorgegebener Zeit erfüllen könnte. „Irgendein Musikpreis. Hab‘ die Eckdaten noch nicht eingetragen.“ Er tippte mit dem Zeigefinger auf den großen Wandkalender, welchen wir benutzen, um den Überblick zu bewahren. „Sag, mal“, begann ich meine Überlegung, „was hältst du davon, wenn ich dich morgen begleite? Als Dank, dass du mein Laptop beschützt hast.“ – „Hast du denn Zeit?“ Sein Blick wirkte immer noch besorgt. „Klar, muss mein Essay erst nächste Woche abgeben. Die Deadline ist verschoben worden.“ Mein Tonfall sollte bekräftigend wirken. Brennis Gesichtsausdruck heiterte sich schlagartig auf. „Klasse! Das wäre natürlich eine echte Hilfe! Wir könnten uns die Arbeit aufteilen und wären schneller durch. Außerdem … du weißt doch, mit den Popstars tue ich mich echt schwer, – nerven mich tierisch, mit ihren Allüren …“ Damit war der Deal klar. Brenni wusste, im Bereich Promis und Musikszene hatte ich genug Erfahrung und bewegte mich in dieser Umgebung gerne. Ich hatte auch immer ein gutes Händchen für die passende Garderobe, präsentierte mich stilsicher und empfahl Brenni daher für den morgigen Abend, auf seinen sonst so geliebten Safran-Pullunder zu verzichten und es mit einem dunklen Hemd und passender Hose zu versuchen. Wir machten uns noch ein paar Notizen zum Ablauf des Events. Brenni bot sich an, den Job des Fahrers zu übernehmen, falls ich doch das eine oder andere Glas Sekt trinken müsste. Immer Angst um mein schönes Auto bei solchen Großveranstaltungen, lehnte ich sein Angebot nicht ab; obwohl ich bei jeder Fahrt mit Brenni Unwohlsein in Kauf nehmen musste. Sein Fahrstil war äußerst gewöhnungsbedürftig. Lag an seiner Vergangenheit als Kurierfahrer. Fuhr man mit Brenni, konnte der Gedanke aufkommen, es würde die letzte Fahrt sein. Im Stadtverkehr beschleunigte er seinen mittelalterlichen Golf an die Schmerzgrenze des Motors, um an der nächsten Ampel dermaßen in die Eisen zu treten, dass man sich wünschte, nichts gefrühstückt zu haben. Aber man muss im Leben schließlich Kompromisse eingehen, in diesem Fall, zugunsten meines eigenen Fahrzeugs.
Auszug aus: RAGE 46 – Die Prüfung der Götter (2010 überarbeitete Version) – Das letzte Kapitel (2022) von Susan Ville
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