Kapitel 03 – Chapter 03

Am nächsten Morgen packte ich einen schwarzen Seidenrolli und einen knielangen, schwarzen Satinrock in eine Sporttasche. Zur Sicherheit nahm ich noch eine Krawatte mit, die ich normalerweise gerne selbst zu festlichen Anlässen trug. Sie war mit kleinen weißen Totenköpfen bedruckt und sähe an dem konservativen Kollegen Brenni sicher eigenartig aus. Zur Tagesarbeit zog ich eine praktische Hose und schwarze Stiefel an, die ich am Abend zum Rock tragen wollte, und war damit bestens gerüstet für die Veranstaltung, auf die ich Brenni begleiten sollte.

Im Büro checkte ich nochmals die wichtigsten Eckdaten zu der Musikpreisverleihung – ab zwanzig Uhr im Friedrichstadtpalast. Um auf die Interviews mit Gästen und prominenten Musikern vorbereitet zu sein, besuchte ich die zugehörigen Künstler-Webseiten, notierte ein paar Informationen. „Schade, ausgerechnet die Seite von der Gruppe ‚Anodyne‘ ist im Umbau … ich kann sie nicht abrufen“, teilte ich dem flink tippenden Brenni über meinen Schreibtisch hinweg mit. „Wer? Ach so, das sind die Gewinner des ‚Live-Awards‘, habe ich gestern auch gelesen. Sind aber hier aus Berlin, da können wir zur Not telefonisch beim Management nachhaken, wenn uns Infos fehlen“, erwiderte Brenni selbstbewusst. Zusammen im Doppelpack dort aufzulaufen, machte ihm Mut. Er war gut gelaunt, lachte sogar, als ich ihm meine Punk-Krawatte zeigte. Sein Mut reichte dennoch nicht, sie anzuziehen. Er winkte verlegen ab, behauptete, die Krawatte würde keinesfalls zu seinem dunkelblauen Hemd passen. Bis achtzehn Uhr schoben wir artig Dienst, ich schrieb weiter an meinem Genetik-Essay, Brenni an seinem japanischen „Quasimodo“-Bericht. Um kurz vor sieben klappte ich mein Laptop zu und huschte mit meiner Abendgarderobe auf die Bürotoilette. Gehöre ich doch zu den Frauen, die in zehn Minuten ausgehfertig sind. Meine schulterlangen dunkelblonden Haare trug ich meistens offen. Morgens zog ich mit geübtem Schwung einen wasserfesten Eyeliner am Wimpernrand meiner grün-braunen Augen entlang, der ohne Probleme durch den Tag kam. Hose aus. Rock an. Dazu umwickelte ich meine Taille mit einem kupferfarbenen Ledergürtel und schon konnte ich zufrieden ein modisches Outfit mit Rockattitüde im Spiegel bewundern. Ein Zisch meines Lieblingsparfums gab mir Sicherheit. Platziert auf den Haaren, haftete der Duft am längsten. „Kann losgehen, Brenni!“, rief ich durch den Flur, wir waren die Letzten in der Redaktion, alle Büros waren verwaist. Nutzte die Gelegenheit aus, drehte die Musik, die aus Brennis PC kam, lauter. Zu laut für Brenni. Kopfschüttelnd eilte er zum Schreibtisch und fuhr den Rechner runter. „Wir müssen uns sowieso auf den Weg machen.“ –  „Mensch, Brenni, sei nicht immer so übergenau, die VIPs laufen uns schon nicht weg!“, lachte ich, während ich meine Jacke anzog.

Vom Büro bis zum Friedrichstadtpalast brauchte man im Normalfall eine knappe Viertelstunde, aber am Abend musste man Stop-and-go einkalkulieren. Hinterm Steuer wurde Brenni sichtlich nervöser und machte seinem Fahrstil wieder alle Ehre. Ich nahm mir vor darauf zu vertrauen, dass sein allzu dichtes Auffahren auf den Vordermann ohne Konsequenzen bleiben würde. Das nächtliche Berlin zeigte sich von seiner eiskalten Winterseite und ich zweifelte langsam, ob es die richtige Wahl war, einen Rock anzuziehen. Eine warme Strumpfhose zu tragen, beruhigte mich ein wenig, während Brenni mit einer Vollbremsung vor der roten Ampel den Wagen zum Stehen brachte. „Shit!“, fluchte er halblaut, tat so, als wäre eine Bande Mafiakiller hinter uns her. „Hey, wir sind gleich da, mach mal keinen Stress!“, es war sinnvoll, ihn zu ermahnen. Dass mein Kollege seit Jahren unfallfrei fuhr, grenzte an ein Wunder. Seine alte Klapperkiste kam gerade so durch den TÜV und er hielt sich öfter in Werkstätten auf, als bei sich zu Hause. Die Heizung war defekt, man sah unseren Atem, wenn wir uns unterhielten oder Brenni fluchte, sobald die „grüne Welle“ endete. Rechter Hand tauchte der Friedrichstadtpalast vor uns auf. Vor dem Haupteingang herrschte bereits kurz vor acht Uhr dichtes Gedränge, verursacht durch Presse, Künstler, geladene Gäste und eine Handvoll hartgesottener Fans, denen die Kälte nichts ausmachte, solange sie an ihre Idole herankamen und Autogramme ergattern konnten.

Wir folgten den Anweisungen eines Parkhelfers und fuhren in den Pressebereich. Brenni hängte sich Kameratasche und unsere Presseausweise um, während er mir mein Diktiergerät reichte, um Interviews aufzunehmen. Im Foyer drängten sich die Besucher an der Sektbar. Künstler sah man momentan nur wenige, die meisten saßen bereits im Saal oder bereiteten sich hinter der Bühne auf ihren Auftritt vor. Brenni drängte mich, unsere Position am rechten Bühnenrand einzunehmen, er wollte auf keinen Fall die Eröffnungsshow verpassen. Der Veranstaltungsraum war mit runden Tischen bestückt. An jedem Tisch saßen bis zu fünf Gäste aus der Entertainmentbranche: bunt gemischt durch Vertreter diverser Plattenfirmen, Moderatoren einiger Musiksender oder Radiostationen, etliche Möchtegernrockstars und Popsternchen, die zwar keine Auszeichnung an diesem Abend erhielten, denen es jedoch äußerst wichtig war, dass die Presse morgen über sie in den Boulevardzeitschriften schrieb. Der Friedrichstadtpalast ist bekannt für sein Varietéprogramm und so mutete die Beleuchtung eher kleinkünstlerisch gemütlich an, als modern genug für einen Pop-Rockmusikevent. Die laufende Show überzeugte jedoch, und so hatte auch ich meinen Spaß, obwohl ich während der Preisverleihung arbeitslos war, denn Brenni machte Dienst an der Kamera. Voll konzentriert wie immer, um keinen wesentlichen Augenblick zu verpassen. Bei der Vergabe des „Best Live-Awards“ erinnerte ich mich an den außergewöhnlichen Namen der Band ‚Anodyne‘. Der Name für ein Schmerzmittel – das kann ja nur eine Rockband sein, und tatsächlich betrat bei der Preisübergabe eine wilde Gestalt die Bühne. Der extravagante Musiker wurde als Gitarrist der Gruppe vorgestellt. Seine blonden, zotteligen Dreadlocks wogten bei jeder Bewegung wie die Schlangen um Medusas Kopf. Er trug ein unerträglich grünes Longsleeve zu einer schwarzen Cargohose, in die etliche Löcher gerissen waren. Unspektakulär ruhig, bedankte er sich bei den Fans, dem Sponsor, reckte den Preis in Form eines stilisierten Mikrofons für die Kameras in die Höhe und sprang mit einem Satz von der Bühne, um rechts hinter der Bühne zu verschwinden; dabei flitzte er an mir vorbei, rechnete aber nicht mit meinem Kollegen, der ihn unvermittelt aufhielt, um unser Interview anzukündigen. Ich beobachtete beide aus ein paar Meter Entfernung und deutete das freundliche Kopfnicken des Gitarristen als Zustimmung. Dann verschwand er, Brenni gab mir stolz ein Zeichen. Alles lief wie geplant. Nach der Show verglichen wir unsere Notizen, besprachen kurz, in welcher Reihenfolge wir die Interviews durchführen wollten. „Lass uns ‚Backstage‘ gehen, da finden wir sicher einige unserer Kandidaten auf einmal!“, schlug Brenni vor. Ich stimmte zu und folgte ihm. Hinter der Bühne herrschte ein hektisches Treiben, ein Gemisch aus Journalisten, Musikern, aufdringlichen Fans, ausgestattet mit AAA-Pässen. Brenni drückte sich entschlossen durch die Menge und bahnte sich und mir einen Weg zu den Künstlergarderoben. „Hier! Das sind die Jungs von Anodyne!“, kreischte Brenni, neben ihm hatte ein Musiker mit tätowiertem, glatt rasiertem Schädel eine CD in einen verformten, uralten Ghettoblaster gesteckt. Ein ruppiger Rocktitel dröhnte durch den Gang. Brenni verzog das Gesicht.

Er zeigte auf ein Schild an der Tür, hinter der sich unsere erste Verabredung zum Interview befand. Brenni wollte gerade anklopfen, doch die Tür öffnete sich schlagartig und ein hysterisch kicherndes Mädchen im Teenageralter sprang uns entgegen. Sie hielt stark verkrampft, aber glücklich, ein gerolltes Poster in ihrer Hand, lief ebenso hysterisch gestikulierend an uns vorbei. „Hey guys! Welcome!“, drang der Klang einer sympathischen Stimme aus dem Inneren des Zimmers und einen Augenblick später streckte sich uns der wuschelige Kopf des Gitarristen von Anodyne entgegen. Er begrüßte Brenni mit Handschlag, blickte dann zu mir. „Hoho, – sorry für das ‚guys‘, hab nicht gesehen, dass auch eine Lady dabei ist! Ich bin Eden, der Mann an der Klampfe“, Eden reichte mir die Hand. „Was wollt ihr denn von uns wissen? Von welchem Magazin seid ihr?“ –  „Wir schreiben für die Berliner Zeitung Panorama … wollte mir eure News eigentlich über die Website reinziehen, aber ich konnte sie nicht aufrufen.“ Ich verfiel in den typischen Musikerslang, als ich Eden antwortete, war gespannt auf das weitere Interview. Hinter Eden saßen die restlichen Mitglieder der Band auf einem braunen Ledersofa. Eden bemerkte meinen schweifenden Blick und ergänzte: „Das sind Lazey und Dave, Basser und Trommler.“ –   „Gratulation zum Preis!“, rief Brenni, während er seine Kamera in Position brachte und die Jungs in ein Blitzlichtgewitter tauchte. „Wir sind gerade mit unserem Label umgezogen“, fuhr Eden fort, „darum ist unsere Page offline. War zeitlich nicht geschickt, ehrlich gesagt, hatten wir mit dem Preis nicht gerechnet; wir stehen nicht so auf Mainstreampreise und propagieren eher den Underground.“ Er schaute mich dabei provozierend genau an und rechnete wohl mit einem Kommentar der Verwirrung. Leider kannte er meine dienstliche Beherrschtheit nicht. Ich blickte provozierend zurück, dabei fiel mir auf, dass seine Augen fast so unnatürlich grün waren wie sein Sweatshirt. „Warum benennt ihr euch nach einem Schmerzmittel?“ Mein Konter überraschte Eden, ein schräges Grinsen huschte über sein Gesicht. „Unser Sänger hat der Band den Namen gegeben. Er ist wieder zu spät, weil er sich um die Dinge des Labels kümmern muss. Habe ihn vor zwei Jahren kennengelernt, als ich in Los Angeles auf Urlaub war. Wir haben beide die gleichen Ziele und gerade zusammen die eigene Plattenfirma gegründet. Unser Baby heißt ‚Evila Music‘. Er ist Boss und Frontmann.“

Ich hörte Edens Ausführungen begeistert zu, man merkte, dass er Interviews gewohnt war und exakt wiedergab, was man als Zeitungsmensch wissen wollte. Inzwischen rannte Brenni in weiteren Künstlergarderoben herum und schoss seine Fotos. „Ich würde Anodyne gerne als Aufhänger für unsere Story bringen, immerhin ist die Auszeichnung ‚Bester Live-Act‘ etwas Besonderes. Muss noch ein paar Interviews machen – seid ihr denn eine Weile hier? Dann könnten wir uns später weiter unterhalten.“ Wie bei der Konferenz in Helsinki, fühlte ich hier eine interne Spannung, an der Sache dranzubleiben. Meine Intuition war mein treuer Begleiter und sie wollte mehr über diese außergewöhnliche Gruppe erfahren. Eden fühlte sich geschmeichelt, steckte mir umgehend seine Handynummer zu, sollten wir uns heute Abend doch aus irgendwelchen Gründen aus den Augen verlieren. Lazey und Dave sackten auf der Couch bei jeder Flasche Bier mehr in sich zusammen; sie beantworteten lustlos die dümmlichen Fragen einer TV-Moderatorin. Ich verabschiedete mich von Eden und suchte Brenni. Nach ein paar Interviews gönnten wir uns ein Päuschen an der Sektbar. Brenni blieb bei Orangensaft und Kaffee; zu geizig für ein Taxi. Nach einem Glas Schaumwein fühlte ich mich richtig wohl, angriffslustig genug, forderte einige Prominente zum Rededuell heraus. Brenni schoss bildlich umher. Wir gratulierten uns kurz vor Mitternacht zu einer gelungenen Teamarbeit, hatten so viele Daten zusammengetragen, dass wir gelassen alle Berichte spätestens morgen Mittag beim „Captain“ abliefern konnten. Die Stimmung war unter den Gästen ausgelassen. Als Brenni mit einem langbärtigen Pressekollegen in der Menge verschwand, nutze ich den Moment, um ein wenig abzuschalten. Ich schlenderte ins Foyer und begutachtete die Karte, die Eden mir in die Hand gedrückt hatte. Es war die Visitenkarte der Plattenfirma „Evila Music“. Evila – liest man es rückwärts, heißt es „Alive“, am Leben sein. Die ganze Band wirkte originell, ich war mir sicher, dass die Jungs als Headliner unseres Artikels bestens geeignet waren. Die „ganze“ Band hatte ich allerdings noch nicht kennengelernt – vielleicht kann ich ja morgen beim Label vorbeischauen, um den Chef zu sprechen –  dachte ich und beschloss, Eden auf jeden Fall anzurufen. An einem am Haupteingang platzierten Bistrotisch stellte ich mein Sektglas ab, um am Rande des Trubels, mein Make-up zu überprüfen. Ich blickte in einen kleinen Taschenspiegel. „Ach, da bist du!“ Als ich den Taschenspiegel wieder einsteckte, kam Brenni auf mich zu. „Der Gitarrist von Anodyne hat mich gerade angesprochen. Wenn du mit dem Sänger sprechen willst, der ist inzwischen auch hier!“ –  „Aber klar, lieber spät als nie!“, erwiderte ich begeistert, weil ich mir die Fahrt zum Label morgen sparen konnte. Nun war ich gespannt auf den Frontmann. Er müsse wohl aus den USA stammen, wenn Eden ihn in Los Angeles kennengelernt hatte. Plötzlich ein schriller Pfiff. Brenni drehte sich auf dem Absatz herum. Am Durchgang zum Foyer erkannte ich Eden. Er winkte Brenni zu sich hin. Ich packte gerade meine Utensilien zusammen, um Brenni ins Getümmel zu folgen, als eine schwarz gekleidete Person zielstrebig auf mich zukam.

Auszug aus: RAGE 46 – Die Prüfung der Götter (2010 überarbeitete Version) – Das letzte Kapitel (2022) von Susan Ville

Veröffentlicht von villebooks

Susan Ville is a pro Photographer, Journalist and Media Expert. She lives in Germany for work and in Egypt's deserts to write novels. She fights for human rights and planet earth, loves courageous people, good music and ancient books. Founder of ANAS intranet for civil protection and VILLEBOOKS publishing - Field of expertise: Optics & Photometry, Editing

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