Für mich ist es bis heute nicht möglich, diese ersten Momente einer schicksalhaften Begegnung in geeigneten Worten wiederzugeben. Inzwischen ist zu viel passiert und meine Schilderung wirkt wenig authentisch. Ich weiß nur, dass ich bereits in diesem Augenblick etwas Magisches empfand, fast so, als ob man nach langer Suche das verloren geglaubte Teil eines Puzzles findet. Vom Bistrotisch aus verschlang ich jene Statur eines jungen Mannes, die sich mit festen Schritten auf mich zubewegte, mit meinen Augen. Der Kopf war etwas gesenkt, dadurch bewegten sich seine langen, fast bis zur Taille reichenden schwarzen Haare über sein Gesicht, wie Straußenfedern im Wind. Von der Stirn herab floss eine blutrote Strähne und bedeckte sein linkes Auge. Seine Haut glich ebener Bronze. Er trug ein einfaches schwarzes Shirt mit langen Ärmeln, eine schwarze, fast elegant geschnittene weite Hose, dunkle Turnschuhe. Er wirkte konzentriert, hob den Kopf, als er am Tisch ankam, und lächelte. Seine dunklen Augen funkelten fremdartig. „Du musst Susan sein, … ich bin Rage.“
Ich fühlte eine aufkommende Nervosität in mir und schwieg. „Ich bin der Sänger von Anodyne, Eden hat mir erzählt, du willst über uns schreiben. Das freut mich. Wenn du Fragen hast, stehe ich dir hiermit uneingeschränkt zur Verfügung!“ Dabei verbeugte er sich leicht und grinste. Seine freundliche Gesprächseröffnung erlöste mich von der spürbaren Anspannung und ich fand zu meiner frechen Form zurück. „Uneingeschränkt?“, fragte ich, im vollen Bewusstsein, anzüglich zu werden. „Wenn du mich besser kennst, wirst du merken, dass ich keine falschen Versprechungen mache“ gab Rage komplett unbeeindruckt zurück. Ich zögerte mit einer Antwort. „Wieso glaubst du, dass wir uns näher kennenlernen sollten?“ Rage kippte leicht den Kopf, seine rote Strähne fiel zur Seite und gab sein zweites Auge frei. „Ich mache dir einen Vorschlag: du zeigst mir heute Nacht deinen liebsten Ort in Berlin und ich erzähle dir dafür die Geschichte von Anodyne …“ Es kostete mich keine Überlegung, denn ich empfand eine Faszination von diesem Mann ausgehend, und von dieser Nacht. Wollte ich Antworten, dann so viele wie möglich. Rage sollte mein neues Forschungsprojekt werden. Er holte seinen Mantel, ich meine Jacke und als wir in die kalte Winterluft hinausgingen, sendete ich zeitgleich eine Kurzmitteilung an Brenni. Meine Nacht war noch nicht zu Ende. Ich orderte ein Taxi, wir fuhren zum Infoturm am Potsdamer Platz. Es war kurz nach halb eins; um diese Zeit werktags, herrschte kaum Stadtverkehr. Der Taxifahrer schwieg und ich kam mit Rage ins Gespräch. Am Zielort angekommen, stiegen wir aus. Rage schaute leicht verwirrt auf die riesige Baustelle vor sich, sie sah im nächtlichen Licht der Baubeleuchtung aus wie eine Siedlung auf einem anderen Planeten. „O. k. Das ist also dein Lieblingsort?“ – „Fast!“, entgegnete ich und forderte den Musiker auf, mir zu folgen. Von diversen europäischen und asiatischen Unternehmen finanziert, war die Neugestaltung des Potsdamer Platzes nach der Wende ein riesiges, ehrgeiziges Bauvorhaben. Seit einiger Zeit kletterte ich nach der Arbeit immer an einer Feuertreppe den sogenannten „Infoturm“ hoch. Eigentlich kein echter Turm, vielmehr ein separat stehendes Gebäude, in dem tagsüber Dutzende von Touristengruppen im Innern Modelle der fertigen zukünftigen Bauwerke bestaunen konnten.
Von oben hatte man einen einmaligen Ausblick. Nachts wirkten die unendlich tiefen Baugruben wie gähnende, aufgerissene Raubtierrachen. Silberfarbene metallenen Kräne ragten kontrastreich in den dunklen Himmel. Der Aufstieg über die Außenleiter war sicher und Rage folgte mir ohne Bedenken, als würde er mir blind vertrauen. Die obere Aussichtsplattform wurde von einem Metallgitter umspannt. „So, j e t z t sind wir an meinem liebsten Ort!“ Ein eisiger Windstoß ergriff unsere Haare und Rage zog aus seiner Manteltasche zwei Haargummis hervor. Er reichte mir eines davon. Wir mussten beide lachen. „Gemütlich ist dein liebster Ort nicht gerade, aber dafür umso beeindruckender.“ Rage verknotete seine langen, nun stark zerzausten Haare in seinem Nacken. Ich tat es ihm gleich, weniger aus der Notwendigkeit heraus, als aus Höflichkeit. „Eure Entstehungsgeschichte scheint sehr interessant zu sein.“ Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke weiter zu, schaute hinüber zu den beleuchteten Baugruben, unzählige Halogenlichter der Autos umkreisten sie. Dabei wartete ich auf Rages Geschichte und auf die Antworten, die ich brauchte. Rage stellte sich neben mich und betrachtete die gleichen Erdlöcher. „Dieser Ort … er hat etwas Geheimnisvolles. Ich kann verstehen, warum du ihn so magst.“ Rage fuhr fort: „Die Geschichte von Anodyne hat sehr viel mit meinem eigenen Schicksal zu tun. Fast zehn Jahre in Los Angeles, dort studiert; Medienwissenschaften und Marketing, dann bin ich Edens Einladung nach Berlin gefolgt. In Eden habe ich einen wahren Freund gefunden. Wir haben uns in einem Musikclub kennengelernt, beim Jammen. Wir wollten unbedingt zusammen Musik machen und haben nur wenige Wochen benötigt, um herauszufinden, dass wir unsere Ziele nur gemeinsam erreichen können. Wir hatten beide längst genug von den meist korrupten Methoden der großen Plattenfirmen in Amerika und wollten unser eigenes Ding durchziehen. Der Erfolg gibt uns Recht, und das macht mich glücklich. Anodyne … ist m e i n Schmerzmittel; gegen all den Kummer dieser Welt.“ Rage drehte sich zu mir und verschränkte leicht fröstelnd seine Arme. „Kommst du noch mit ins Hotel?“ – „Meinst du d a s, wenn du von ‚uneingeschränkt‘ sprichst? Dann muss ich dich darauf hinweisen, dass ich kein Groupie bin.“ Es sollte eigentlich ein Spaß sein, aber Rage betrachtete mich erstarrt und das lag nicht allein an der Kälte hier oben. „Nicht jeder, der lange Haare trägt und harte Klänge liebt, schleppt reihenweise Mädchen ab … Eden hat Drinks vorbereiten lassen und wollte einige Leute von der Show im Hotel begrüßen. Immerhin ist das heute ein besonderer Tag, oder besser gesagt, eine besondere Nacht. Wir haben heute unsere erste Auszeichnung bekommen und das verdient! Unsere Tour letzten Sommer war mehr als kräftezehrend.“ Irgendwie kam ich mir mit der „Groupie“ Anmerkung ziemlich kindisch vor, ließ mir mein Unbehagen jedoch nicht anmerken. „Verstehe“, fügte ich an, „woher kannst du eigentlich so gut Deutsch, wenn du erst seit zwei Jahren hier lebst?“ – „Ich hatte einen deutschen Freund während meiner Studienzeit.“ Dieser Mann, der gerade neben mir stand und mir so aufrichtig auf meine Fragen antwortete, ließ mich verwundert dreinschauen. Rage zuckte nur mit den Schultern. „Na ja, ich mag Sprachen, dann lernt man alles auch schneller.“
Der Wind wurde mittlerweile stärker, wir beschlossen den Abstieg. Kaum waren wir unten, brummte Rages Manteltasche, er zog ein Mobiltelefon raus und nahm das Gespräch an. Eden war der Anrufer und Rages gedankenverlorene Miene hellte sich umgehend auf. Als er auflegte, hatte ich bereits das Taxi bestellt. „Eden hat seinen Plan wohl geändert, er ist mit der Band und ein paar Promis in einen Club umgezogen. Was ist? Kommst du noch mit und interviewst mich weiter oder traust du mir nicht genug?“ – „Tja, was soll ich sagen … “, antwortete ich zynisch, „eigentlich traue ich dir nicht, aber ich komme mit.“ Wir lachten, waren beide viel zu euphorisch in dieser Nacht, um spaßbremsende Entscheidungen zu fällen. Als wir im Taxi saßen, erzählte mir Rage von seinem Interesse an Verschwörungstheorien, von seinem Umzug nach Berlin, von den Schwierigkeiten bei der Gründung der eigenen Plattenfirma und erklärte mir, wie er auf die Idee mit dem Wort „Evila“ kam. Am Leben sein bedeutet auch immer zugleich, sich mit dem Bösen auseinandersetzen zu müssen. Diese Wortschöpfung zeige dies deutlich, aber nur dann, wenn man das Wort mit dem Herzen betrachtet. Rage freute sich, dass mir die invertierte Lesart aufgefallen war. Überhaupt bemerkten wir zwischen uns während der Fahrt eine erhebliche Affinität zueinander und es war, wie ich sagte: Ich traute ihm nicht, aber ich fühlte mich angezogen von seiner scheinbaren Tiefsinnigkeit. Je mehr er über sich erzählte und mir gegenüber preisgab, desto unergründlicher schien er. Antworten … es warteten noch viele mehr. Und so war es kaum verwunderlich, dass ich Rage meine Handynummer gab; was ich seit langer Zeit bei neuen Bekanntschaften strikt vermied. Aus gutem Grund.
Auszug aus: RAGE 46 – Die Prüfung der Götter (2010 überarbeitete Version) – Das letzte Kapitel (2022) von Susan Ville
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