Kapitel 05 – Chapter 05

Der Club, zu dem Eden uns hin lotste, hieß „Clash“ und befand sich in der Friedrichstraße. Eher ein ruppiger Musikclub als ein Privatclub, trotzdem bauten sich vor Rage und mir zwei bullige Türsteher auf. Rage kannte einen davon, begrüßte ihn mit einer kumpeligen Geste und einem Blick auf mich, um anzuzeigen, ich wäre in seiner Begleitung. „Alles klar, Mann“, entgegnete der andere, „is’ aber Elektro angesagt heute Abend, ’n paar DJs legen auf.“ Der Türsteher wusste wohl, dass Rage in der Rockszene zu Hause war. Rage winkte ab, der Türsteher mich durch.

Hinter einem Windfang aus schwarzem Moltonstoff eröffnete sich die Innenwelt des Clubs. Die Art der Besucher war ziemlich gemischt, von aufgebrezelten Diskohäschen bis schrillen Punkrockern mit meterhohen Frisuren war alles dabei. Die Beleuchtung fiel spartanisch aus. Über den Sitzgruppen am linken Rand pendelten orangefarbene Kugelleuchten, rechter Hand befand sich die Tanzfläche, überschaubar unspektakulär ausgestattet mit einigen Farbspots, zwei Moving-heads und einer Nebelmaschine. Im Hintergrund des Raumes kroch blaue Neon- und Schwarzlichtbeleuchtung herum und zeigte den Bereich der Getränkebar an. Die Luft roch süßlich nach chemischem Dunst. Ich folgte Rage ins Innere. Der Club war gut besucht, an den Sitzgruppen stauten sich diverse Jugendcliquen, aber auch Besucher der Preisverleihung besetzten die bequemen Couchelemente aus blauem Kunstleder. Am letzten Tisch vor der Bar entdeckte ich Edens Wuschelkopf, er stand im Lichtkegel eines grünen Spots und erinnerte stark an einen der Farne in meiner Küche. Er erkannte uns und winkte. Beide Freunde begrüßten sich, indem sie ihre rechte Hand aufs Herz legten. Meine journalistische Neugier zügelte ich, um den Jungs nicht auf den Keks zu gehen. Eden freute sich sichtlich mich wiederzusehen und wies mir eine freie Sitzbank zu. Ich schaute in die saftverklebte Getränkekarte und sofort tauchte eine auffällig geschminkte Bedienung an unserem Tisch auf. Ihre Augen waren schwarz umrandet und reflektierten das orangefarbene Licht. „Na, wat darfs denn sein?“ –  „Kannst du mir was empfehlen, euer Hausgetränk vielleicht?“, fragte ich sie. „Klar, kann ick. Nimm den ‚Clash-Cocktail‘, det Zeug föhnt ordentlich!“ Ich machte eine zustimmende Geste mit dem Zeigefinger, denn eine Ansage von der Tanzfläche erschwerte die Konversation. DJs wurden vorgestellt und der Titel „Tonight“ angekündigt. „Morton Base“ aus Wien legten auf. Während die Klänge herumdopsten, besprach ich mich mit meinem Innersten, wie dieses „Tonight“ für mich weitergehen sollte. Dann beschloss ich, diese Nacht zu nutzen und nach längerer Zeit wieder Leben zu spüren. Mein Exfreund war Kneipengänger und als ich mich von ihm trennte, dachte ich, diese Gewohnheit nachts ständig unterwegs zu sein, dürfte ich nicht so plötzlich ändern. Mein Gehorsam ihm gegenüber war so groß, dass ich Schwierigkeiten hatte, mich ohne ihn zurechtzufinden. Ständig unter Leuten zu sein, lenkte mich von mir selbst ab –  obwohl es gegen meinen Willen geschah. Ich spürte Bewegung neben mir. Rage hatte seinen Mantel abgelegt und sich zu mir gesetzt. Sekunden später gesellte sich Eden zu uns, besetzte einen runden Hocker. Er war sichtlich aufgedrehter als noch bei der Verleihung und hatte wohl schon ein paar Drinks verarbeitet. „Cooler Rock!“ Eden versuchte mit mir durch die Musik von der Tanzfläche hindurch zu sprechen. „Welcher Rock?“ Ich nahm an, er spräche von Rockmusik, aber Eden war frech genug, um den Satinstoff an meinen Beinen zwischen seine Finger zu nehmen. „Fühlt sich gut an!“ Er grinste wie ein kleiner Junge, der sich beim unerlaubten Naschen ertappt sieht. Im Flirten war ich erfahren und vermittelte ihm mein Bedauern darüber, dass es zu kalt sei, um ohne Strumpfhose aus dem Haus zu gehen. Unglücklicherweise handelte es sich auch noch um eine schwarze blickdichte. Eigentlich war ich nicht unbedingt ein Dance- oder E-Pop-Fan, fand die Musik aber ausgesprochen passend zur Atmosphäre, während Eden sich von meiner schwarzen Strumpfhose kaum entmutigt sah und anfing über die Form meiner Beine zu spekulieren. Rage schüttelte grinsend den Kopf und flüsterte mir zu, ein Duell im Flirten mit Eden könne keine Frau gewinnen. Der Hausdrink schmeckte, ich bedankte mich bei der Bedienung für die Empfehlung und bestellte gleich noch einen. Ab und an tauchten ein paar blutjunge Mädchen auf, sie wollten Eden unter dem Vorwand eines Autogrammwunsches in ein Gespräch verwickeln. Der ganze Trubel um seine Person heizte ihn an und er verschwand mit zwei weiblichen Fans auf der Tanzfläche. Adrenalin musste abgebaut werden. Rock’n’Roll musste gelebt werden. Langsam löste sich auch meine Zunge und ich versuchte Rage weitere Geheimnisse zu entlocken. Dabei merkte ich gar nicht, dass ich während unserer Unterhaltung anfing, Rages Physiognomie unter die Lupe zu nehmen. So verweilte mein Blick manchmal auf seinen Lippen, den schlanken Händen, auf seiner geraden Nase, oder den streng wirkenden Augenbrauen. Gerade als ich ihn auf seine Herkunft ansprechen wollte, um zu erkunden, woher sein orientalisches Äußeres herkam, baute sich plötzlich eine aufreizend gekleidete Latinoschönheit vor mir auf; eine junge Frau, Mitte zwanzig höchstens, mit dunkelbraunen gewellten Haaren, welche in einem am Hinterkopf herausragenden, geflochtenen Zopf endeten. Sie trug große Creolen an den Ohren, ihre braunen Augen sprühten Gift auf mich und ihr Mund verzog sich säuerlich. Rage schaute überrascht zu ihr auf, reagierte abrupt und erhob sich. Beide flüsterten sich etwas zu, dabei gestikulierte sie temperamentvoll, stemmte am Ende ihres Satzes ihre Hände in die Hüften. Rage beugte sich zu mir herunter: „Sorry, Susan, ich bin gleich wieder da …“ Dabei zuckte er andeutungsweise mit den Schultern und folgte der „Jennifer-Lopez-Kopie“ in den Barbereich. In diesem Moment erschoss mich der Flashback meiner Vergangeheit. Der „Ex“, als er mir auf einem Sommerfest stocktrunken ein Mädchen vorstellte – mit den Worten: „Das ist Natalie, wir waren gestern Nacht zusammen!“ Das tat er oft, einfach, um mir zu zeigen, wie wenig ich wert war. Er weidete sich regelmäßig daran, mich verletzt und gedemütigt zu sehen. Meine Liebe war ihm gleichgültig. Für ihn waren Frauen Sexpüppchen, denen man in jedem Augenblick klarmachen musste, warum Männer Jahrtausende die Welt regierten. Vieles von dem, was ich mit ihm durchlebt hatte, versuchte ich zu vergessen, aber er hatte bereits seine Spuren hinterlassen, mein Hirn so umprogrammiert, dass es für mich nur noch extrem nutzlosen Spaß mit Männern gab oder grenzenlosen Hass. Alles, was sich dazwischen befindet, war ausgelöscht und musste einer gefolterten Seele weichen. Ich weiß bis heute nicht, wie ich es geschafft hatte, mich von diesem Typen zu trennen. Ich weiß nur – er hatte ganze Arbeit geleistet. Liebe taugt zu nichts, wenn sie an den Falschen gerät. Frust kroch plötzlich in mir hoch, mein Körper saugte sich mit dem Erreger der Gleichgültigkeit voll. Ob Rage wieder zurückkehrte oder wann, war mir nun egal. Eher verzichtete ich auf schöne Augenblicke in meinem Leben, als mich dem Risiko auszusetzen, dieses ganze Leid noch einmal durchstehen zu müssen. Ich ging auf die Tanzfläche. Dutzende von Parfums und Rasierwässerchen vermischten sich mit dem Geruch von verbrauchtem Nikotin. Man hatte das Gefühl, nicht genug atmen zu können, und genau das trieb die Menge in einen tanzenden Rausch. Ich ergab mich diesem Rausch. Irgendwann wurde es mir von all meinen Emotionen, die mich am heutigen Abend aufwühlten, übel. Die Drinks taten ihr Übriges und ich suchte die Toilette auf. Übergeben musste ich mich zwar nicht, aber ich verzehrte mich nach etwas, trank vom Wasserhahn ein paar Handvoll. Mein Gesicht sah im Spiegel erhitzt aus vom Tanzen, und ich nahm mir vor, den Flirt mit Eden fortzusetzen, sobald er mir über den Weg lief. Der Gedanke ließ sich schneller umsetzen als gedacht. Vor den Waschräumen lief er mir direkt in die Arme. Trotz des langen Abends, war er noch immer hyperaktiv, freute sich übertrieben, mich in der Menge wiedergefunden zu haben. „Hey, Susan, wartest du einen Augenblick hier? Muss ein paar Getränke wegbringen.“ Er verschwand in der Herrentoilette. In der Zwischenzeit dachte ich daran, ob Rage verärgert war, mich nicht mehr vorgefunden zu haben oder ob er in dieser Latinoschönheit längst Trost gefunden hatte. Der Erreger der Gleichgültigkeit hatte mich fest im Griff. Ich entwickelte mir das Mantra im Leben ohne Liebe auskommen, der Spaß am Jetzt und Hier hinterlässt keine Narben.

„Da bin ich wieder!“ Edens grüne Augen versprühten jenen Charme, vor dem mich Rage gewarnt hatte. Mit dem Rücken an eine Wand gelehnt, musterte ich Eden. .„Deine schwarzen Klamotten haben Rage bestimmt gefallen“, bemerkte er. „Keine Ahnung.“ Ich verstand selbst nicht, warum ich Rage auf einmal ablehnte, hatte er mir doch vor zwei Stunden noch ernsthaft gefallen. Eden kratzte sich am Kopf zwischen seinen Zotteln. „Habt ihr euch gestritten?“ –  „Nein … wieso? Aber ich habe jetzt Feierabend und will Spaß haben.“ Ich zupfte verstohlen an Edens wurmförmigen Haartentakeln. – Jetzt zeig doch mal, ob du wirklich jeden Flirt gewinnst, forderten meine Gedanken von ihm, ich legte meine Hände an seine Taille. „Du bist ganz verschwitzt. Bin ich daran schuld?“ –  Rage behielt recht. Eden gewann das Duell und küsste mich.

Auszug aus: RAGE 46 – Die Prüfung der Götter (2010 überarbeitete Version) – Das letzte Kapitel (2022) von Susan Ville

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Veröffentlicht von villebooks

Susan Ville is a pro Photographer, Journalist and Media Expert. She lives in Germany for work and in Egypt's deserts to write novels. She fights for human rights and planet earth, loves courageous people, good music and ancient books. Founder of ANAS intranet for civil protection and VILLEBOOKS publishing - Field of expertise: Optics & Photometry, Editing

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