Peak stand üblicherweise erst mittags auf, das gereichte uns beiden zum Vorteil. So konnte ich morgens meinen Termin auf der Musikmesse absolvieren, ging mit einigen Kollegen am Nachmittag einen Happen essen und stand um acht Uhr zur Primetime bei Peak vor der Tür. Es roch nach seiner Leibspeise, als er öffnete. „Hallo Peak, na?! Gibt’s wieder belgische Pommes?“, wollte ich wissen. Peak freute sich mich zu sehen, bat mich in seine übersichtliche Zweizimmerwohnung und sprang zeitgleich hektisch in die Küche zurück, damit seine Fritten nicht verkohlten. Derweil schaute ich mich in seinem Wohnzimmer um, welches eigentlich eine reine Arbeitsfläche mit zusätzlicher Sitzgelegenheit, einem Couchtisch, einem kleinen alten Fernseher und einer Topfpflanze war. Die Wände hatte Peak in Mausgrau gestrichen, an denen schrill-bunte Motive von Fraktalen hingen. Als Anhänger der Chaosforschung verband ihn mehr mit der Liebe zum Prinzip der Rekursion als zu irgendwelchen Männermagazinen. Demnach entdeckte man eher Computerhefte und Ausdrucke aus dem Internet über informationstechnologische Neuheiten und sein Schreibtisch mit diversen Rechnern, Peripheriegeräten und mehreren Monitoren nahm den Großteil des Raumes ein. Jedes Mal, wenn ich diese Wohnung betrat, suggerierte sie eine geheime Schaltzentrale irgendeines Agentenverbundes aus einem französischen „Alain-Delon-Film“: man blickte unterbewusst zu angewinkelten, halb offenen Türen, weil man das Gefühl nicht loswurde, es könne jederzeit aus der Ecke ein maskierter Rächer ins Zimmer springen. Peaks Computer summten und brummten wohlig vor sich hin, strahlten die Atmosphäre eines Umspannwerkes aus. Man musste sich daran gewöhnen, aber Peak war ein herzlicher Zeitgenosse, es fiel leicht, seine Lebensweise anstandslos hinzunehmen. Alle Monitore, fünf an der Zahl unterschiedlicher Größe, verströmten kühles Licht und dies überzog jeden Besucher mit fahler Leichenblässe. Ich beugte mich leicht nach vorne, um zu sehen, woran Peak gerade arbeitete, aber außer massiven Zahlen- und Zeichenkolonnen einer Maschinensprache und einigen Tabellen erkannte ich nichts, was für mich verständlich gewesen wäre. „Voilà – extra frisch aus dem Ofen, mit handgekaufter Mayonnaise und selbst gezapftem Ketchup!“ Ich schaute von den Bildschirmen auf einen großen Teller knuspriger Kartoffelstangen mit roten und weißen Sprenkeln. „Stimmt es eigentlich, dass Belgier gute Liebhaber sind, weil sie so viel Kartoffeln essen?“, ich grinste. „A oui! Bitte, greif zu! Wir haben eine lange Nacht vor uns, das kann ich dir versprechen!“ Peak stellte unerschrocken den fettigen, heißen Teller zwischen seine Stapel von Prints. Für einen Fremden mochte die Oberfläche seines Schreibtisches ein komplett chaotisches Bild bieten, aber Peak fand jede wichtige Information mit einem Handgriff. Er war quasi der „Herrscher über das Chaos“. Ich war von dem konzentrierten Frittendunst, der sich in der kleinen Wohnung staute, schon pappsatt. Peak knusperte ein paar Stangen, bot mir einen Bistrostuhl an, setzte sich selbst in seinen bequemen Bürosessel vor die Bildschirme. Dann nahm er seine orangegetönte, höchst auffällige Sehbrille, schob sie sich auf die Nase und scheuchte seine abgegriffene „Maus“ über den Tisch; eigentlich war der ganze Schreibtisch ein einziges riesiges Mousepad. Peak hatte die Tischplatte mit einer Gummimatte abgedeckt, sodass alle Mäuse genug Auslauf fanden. „Hier. Das ist die Ebene vor dem Administratorlevel der GenTEC-Seite. Wie du siehst, teilen sich mehrere Benutzer den Admin-Level. Geteilte Macht also. Man kann davon ausgehen, dass diese Organisation sehr wohl hierarchisch aufgebaut ist, aber keinesfalls diktatorisch. Das erschwert den Zugang zu den oberen Ebenen, weil man mehrere Zugänge überwinden muss. Wahrscheinlich, dass 2-Factor-Eingaben notwendig sind. Jedenfalls habe ich über das Verschwinden von Hendrikson nur herausbekommen, dass er in der Nacht vom zwölften auf den dreizehnten Januar das letzte Mal eingeloggt war, denn das gibt die Registratur hier wieder.“ – Zwölfter Januar. Das war in der Nacht, als ich auf der Musikpreisverleihung war. Peaks Finger klapperten verwirrend schnell auf der Tastatur herum, die genauso benutzt aussah wie seine Hauptmaus. Peak fuhr fort: „Und hier siehst du die Liste mit den Log-ins der wohl führenden Mitglieder, hier diese Updateanzeige, wer zu welcher Zeit online war. Frag mich nicht, wozu die das brauchen – wahrscheinlich eine Art freiwillige Selbstkontrolle, nehme an, dass es auch ortsbezogene Parameter gibt, aber dazu müsste ich in die Admin-Ebene kommen. Anhand der Statistik der letzten Woche kann man ablesen, dass bis zum dreizehnten Januar alle Mitglieder regelmäßig online waren. Danach gaben in den nächsten Wochen vier von ihnen keinen Mucks mehr von sich, hier …“, er tippte mit dem Finger auf eine Tabellenspalte einer statistischen Darstellung, „sind es inzwischen acht ‚Onlinetote‘.“ Ein übles Gefühl überkam mich. „Mach keine Späße, Peak, Kollege Brenni hat mir gestern Nacht eine SMS geschickt, laut der schwedischen Presse seien zwei GenTEC-Mitglieder an unbekannter Ursache kurz nacheinander gestorben. In Verbindung mit dem verschwundenen Professor steigt das Medieninteresse international, niemand weiß, ob Hendrikson noch lebt. Und jetzt? Wie bringen wir deine und die Infos der Presse in einen schlüssigen Konsens? Wie bekommen wir heraus, welche Mitglieder hinter den ‚Onlinetoten‘ stecken?“ Peak klemmte seine Nase zwischen Zeige- und Mittelfinger, als wolle er einen elektrischen Kontakt von seiner Maushand zum Gehirn herstellen. Er kniff seine Augen zusammen, grübelte ein paar Sekunden. Laut seiner Vorstellung von zeitlichen Rechenvorgängen waren Sekunden bereits eine sehr lange Zeit. Peak dachte schnell und redete langsam, so konnte er immer sicher sein, dass der Output an Informationen korrekt war. Er schüttelte den Kopf. „Das bekommen wir nur raus, wenn wir wenigstens einen einzigen Zugriffscode eines Members besitzen. Wenn wir Pech haben, kann es sein, dass man mindestens zwei Codes braucht. Bei ganz großen Unternehmen können die Administratoren nur in Absprache mit einer zweiten oder dritten Person einloggen – wie gesagt, Parallel- oder Multi-Login, erhöht die Sicherheit des Systems.“ – „Na toll. Dann schlage ich vor, wir versuchen mittels Suchmaschine an die Namen der Führungsebene zu kommen, vielleicht haben wir Glück und es gibt noch weitere Webseiten der GenTEC.“ Peaks Forschungsdrang nahm unausweichlich zu, denn es gab nichts Schlimmeres für ihn als ein ungelöstes Problem. Er startete diverse globale Suchmaschinen und wir pickten uns einige Ergebnisse heraus, um einen genaueren Überblick über das Netzwerk der GenTEC zu erhalten. Nach zwei Stunden hatten wir etwa ein Dutzend URLs notiert, denen Peak mittels einer Software die betreffende IP-Adresse zuordnete. An einer Internetpräsenz blieb er aufmerksam hängen. Sie hatte einen amerikanischen Standort und schien eine Art Niederlassung der Labore zu sein. „Typisch, die Amis, immer noch dasselbe bescheuerte System auf ASCII-Basis … die Seite knack‘ ich mit links!“, verkündete Peak triumphierend und während sein Dechiffrierungsprogramm seine Arbeit tat, öffnete er eine Flasche Rotwein an dem kleinen Couchtisch. „Wir haben gleich halb elf, ich schalte mal den Fernseher ein, vielleicht gibt’s was Neues auf NBC.“ Ich nahm die Fernbedienung und wunderte mich, dass ich das TV-Gerät nicht einschalten konnte. „Lass mal – das ist keine gewöhnliche Fernbedienung, steuert fast alles Elektronische in diesem Raum.“ – „Sicher auch deinen Backofen und die Mikrowelle, oder?“, frotzelte ich. „Noch nicht, aber ich arbeite dran.“ Dann schaltete er den Fernseher an, betonte dabei, dass ich alle internationalen Satellitenprogramme auch über seinen Rechner schauen könnte. Aber ich war froh, mal ein paar Minuten von der Monitorwand wegzukommen und nur auf eine einzige Mattscheibe zu starren. Die Luft roch inzwischen abgestanden, nach einem Fritten- slash Elektro-Menschensmog-Gemisch. Ich öffnete ein Fenster. Sofort drang Rauschen der Schnellstraße in den sechsten Stock der Stadtwohnung. Peak schenkte Wein ein, holte sich aus der Küche die letzten Pommes und wir setzten uns auf die mausgraue Stoffcouch. Peak lümmelte sich neben mich und schaute auf den flimmernden TV-Schirm; dabei hatte er drei große Blätter des Gummibaums mitten im Blickfeld. Er war zu faul, die Pflanze, die in einen viel zu kleinen Topf gezwängt war und seinen Couchtisch zierte, auf die Seite zu schieben. Wir verfolgten deutsche und einen britischen Nachrichtensender, aber leider ergaben sich keine neuen Erkenntnisse, außer dass inzwischen der Fall an die Interpol weitergeleitet worden war. Die Briten erwähnten, bei den zwei Opfern handele es sich um Biologen, ein Unfall mit Mikroorganismen wäre nicht auszuschließen. „Ein Unfall mit Mikroorganismen? – Na super! Jetzt setzt gleich die Pandemiehysterie in der Weltpresse ein … haben sie wieder einen Grund, die Apokalypse auszurufen und die Wissenschaft für ihr verkorkstes Konsumleben verantwortlich zu machen.“ Ich ergänzte: „Und wie sich die Pharmariesen freuen, wenn sie die Welt mit Virustatika versorgen können. Sie scheffeln Milliarden bei solchen Pressemeldungen.“ Ein aufdringliches Piepssignal unterbrach mich. Es kam von Peaks Rechner. „Wir haben ein Ergebnis!“
Peak nahm wieder vor seiner Monitorwand Platz und freute sich wie ein Millionenquizgewinner, als er das Passwort einsetzte und tatsächlich Zutritt in den Mitgliederbereich der amerikanischen Seite erhielt. Dort befand sich eine Liste von Namen, in der auch Hendrikson auftauchte. Dahinter stand eine neunstellige Nummer. „Hm … könnte eine Zugangsnummer oder eine Telefonnummer sein … ich check mal die Nummer im Vorwahlregister der USA.“ Peak war voll in seinem Element, während sich ein Gewitter über Frankfurt austobte und der Wind die Alu-Jalousie ans Fenster klatschte. Ich sprang auf, um es zu schließen. Blitze schossen vom Himmel, untermalten unsere aufregende Recherche mit filmreifer Beleuchtung. „Susan, glaube, es ist doch eine Telefonnummer… sie hat die Vorwahl von Boston.“ Boston? Hatte Rage mir nicht in seiner Mail geschrieben, er wäre mit Anodyne diese Woche dort? Ich packte mein Laptop aus und rief die letzten E-Mails ab. Tatsächlich! Er müsste ab morgen in Boston sein. „Rage ist morgen mit seiner Band dort. Könnte ihn fragen, ob er für uns ein paar Nachforschungen anstellt.“ Peak nahm seine Brille ab und rieb sich den Nasenrücken. „Meinst du, es wäre klug, ihn damit zu beauftragen? Meine, du weißt so wenig über ihn. Ist nicht so, dass ich ihm das nicht zutraue, aber wenn er was Falsches macht, verrät er vielleicht unsere Nachforschungen.“ – „Wir haben keine Wahl, Peak, wir müssen jeden Strohhalm ergreifen, sonst schnappt uns die Story jemand von der Konkurrenz weg! Wenn wir über den Verbleib von Hendrikson etwas herausbekommen – was glaubst du, was diese Nachricht wert ist! Diese Telefonnummer… sie steht doch nicht ohne Grund hinter seinem Namen.“ Peak verstand, dass diese Recherche uns beiden durchaus lukrative Verkäufe an die Presse bringen könnte. Wir wussten zwar, dass die Vorwahl der Nummer auf Boston hinwies, aber mehr auch nicht. „Könnte eine Geheimnummer sein … ein Intranet?“ Peak wandte sich mir zu; ich überlegte. Konnte ich Rage genug trauen und ihm von unseren Ergebnissen berichten? Nachdem ich Peak gebeten hatte einen starken Kaffee zu kochen und tatsächlich feststellte, dass er die Kaffeepötte gespült hatte (was er sonst nur widerwillig ausführte, einige Tassen setzten wochenlang in seiner Spüle undefinierbare Krusten an), trank ich ein paar belebende Schlucke. Wir hatten bereits Informationen, die andere nicht besaßen. Ich konnte mir diese Chance auf einen sensationellen Artikel nicht entgehen zu lassen und musste Rage informieren! Gegen halb vier Uhr morgens verabschiedete ich mich von Peak und fuhr zu Ramira. Sie hatte mir ein kuscheliges Bett auf der Wohnzimmercouch hergerichtet und mir einen Zweitschlüssel hinterlegt. Sie wusste, wenn ich von einem Besuch bei Peak zurückkam, brach immer der Morgen an. Ich rechnete, welche Uhrzeit wohl gerade bei Rage in den Staaten war, wickelte mich in die mollige Decke und schickte Rage eine Prepaid-SMS. Schien mir deutlich sicherer als eine E-Mail, gerade, seit ich bei Peak erleben durfte, wie leicht elektronische Daten im Internet lesbar waren. – Wenn wir umsichtig genug sind, kann uns nichts passieren, und vertraute auf mein gutes Gefühl gegenüber Rage. Kurz bevor ich einschlief, bekam ich eine Antwort. Rage war tatsächlich auf dem Weg nach Boston, er gab zu verstehen, sich zu melden, sobald er zu der Telefonnummer etwas erfahren hätte. O. k. – jetzt hatte ich ihn in der Sache mit drin und es war zu spät, sich den Kopf zu zerbrechen. Die Dinge mussten ihren Lauf nehmen. So oder so. Schläfrig tippte ich eine Nachricht an Peak, wie erwartet war er noch wach und sendete prompt eine Antwort auf meine Nachfrage, ob er noch arbeiten würde:
EIN GENIE SCHLÄFT NIE 🙂 PEAK.
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